Städtebau Polens
"Der Wohnungsbau in Polen wird z.Z. ausschliesslich von Eigentumswohnungen getragen. Diese werden vornehmlich von sogen. "Developern" errichtet, von Baulöwen, die die Eigentumswohnungen sofort verkaufen, oft noch bevor sie errichtet werden. Diese Produktion ist an bestimmte Bevölkerungsgruppen gerichtet, die über ein überdurchschnittliches Einkommen verfügen, bzw. kreditwürdig sind. Die Wohnungen werden zurzeit auch stark aus spekulativen Gründen gekauft, so dass sie kaum einen Einfluss auf die Abdeckung des wirklichen gesellschaftlichen Bedarfs ausüben. Man kauft zwei, drei Wohnungen, um sie bei gewaltig steigenden Preisen mit hohem Gewinn wieder zu verkaufen. So werden die Preise für eine oft miserable Ware hoche getrieben. Es gibt kaum Mietwohnungsbau, überhaupt keinen Wohnungsbau für weite Bevölkerungsschichten.
Das primitive polnische Baugesetzbuch, dass keine FLNP (Flächennutzungspläne - Anm. der Redaktion) kennt, kein Sanierungs- bzw. Entwicklungsgesetz, keine städtebaulichen Verträge und keinerlei integrierte Stadtplanungsprozesse, sondern nur einen dem deutschen B-Plan-ähnlichen Konstrukt, führt dazu, dass der sogen. "Developer-Wohnungsbau" verheerende Folgen für die polnischen Städte hat. Die Developer bauen wo es ihnen genehm ist und die Gemeinden - die keine Stadtentwicklungssteuerung kennen - genehmigen jeden städtebaulichen Unfug. Der kommunaler Grund und Boden wird (laut Gesetz!) an den meist bietenden verkauft. Somit verkauft man alles, inklusive öffentliche Grünanlagen. Der Erwerb einer Fläche, wird allgemein als der Grund für eine exzessiv schnelle Aufstellung und Verabschiedung einer B-Planung betrachtet.
Das Land wird mit den planlos erricheteten "Developer-Wohnkomplexen" !hoffnungslos zersiedelt, die Umwelt zerstört und die vorhandene umweltverträgliche periphere Siedlungsstruktur der Städte ihres Wertes und ihrer Qualität beraubt. Der primitv betriebene und oft von der Umgebung völlig isolierte (auch abgezäunte und bewachte!) Wohnungsbau, wird von den Politikern und den Medien als große Stadtentwicklungsleistung hochstilisiert, als Wirtschaftsaufschwung und als Sieg des von den kommunistischen Zwängen der Stadtplanung befreiten freien Marktes gepriesen.
Die Innenstädte verkommen und verwahrlosen. Sie verlieren jetzt massiv ihre einkommenstarke Bevölkerung und verwandeln sich in Gebiete mit den schlimmsten städtebaulichen Missständen und Mängeln und einer sich galoppierend verschlechternden sozialen Lage. In Poznan (knapp 540.000Einwohner)beispielweise, verliessen die Innenstadt seit 2000 über 20.000 Einwohner und werden das Gebiet in den nächsten Jahren die nächsten 24.000 verlas sen. Das alles bei stark sinkenden Bevölkerungszahlen. Die Innenstädte zerfallen in kleine Schokoladen- und große Slumbereiche. Es gibt keine Sanierung der alten Wohnungsbestände und keine innenstädtische Entwicklung, da der einseitig von der Politik unterstützte neue periphere Wohnungsmarkt keine Konkurrenz enstehen lässt.
Seltsame Verflechtungen zwischen den Baulöwen, Bürgermeistern (bzw. Stadtpräsidenten, wie auch einigen Stadtverordneten und eine totale Ignoranz in Sachen Städtebau, lassen in der Peripherie aus Wiesen und Wäldern schnell Bauland werden und um Umweltschutz schert sich so wieso kein Politiker. Es hagelt von Protesten der Bewohner von peripheren kleinen Siedlungen, denen vor der Nase dichte Betonklötze errichtet (Bürgerbeteiligung bei der Planung kennt man in Polen nicht) und neue Erschließungsstrassen gebaut werden. Proteste von Ökologen und Naturschützer werden ignoriert und lächerlich gemacht. Die Stadtplanung! wurde p raktisch aufgehoben, Stadtplaner werden kaum ausgebildet und es gibt auch keine konstruktiven Fachkontakte zwischen polnischen und europäischen Stadtplanern.
Die bedauerliche Tatsache, dass man in Polen meint, dass die EU in Sachen Stadtentwicklung nichts zu sagen hat und sowieso hat sie in Sachen Umweltschutz viel zu viel zu sagen, führt zu einer zunehmenden Isolierung Polens von den europäischen Werten im Bereich der Stadtentwicklung. Nun will man aber das liebe EU-Geld haben.
Das ist die augenblickliche Stadtentwicklung a la Polonais. Vor der Tür Deutschlands wächst eine amerikanische Stadtwelt.
Mit freundlichen Grüssen aus der Mitte eines verbissenen Kampfes gegen Sprawl und Stadtschrumpfung und gegen allgemeine Ignoranz (bin zurzeit ein wenig aktiv in der polnischen Stadt POZNAN).
Was man hier braucht ist Bildung, Bildung und nochmals Bildung! EU-Druck, EU-Druck und nochmals EU-Druck!
Dr Andreas Billert"
12. Juni 2007