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Zaha Hadids Raumschiff Neugier

phæno Wolfsburg: Architektur erleben


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Der avantgardistische Entwurf Zaha Hadids für das Wolfsburger phæno ist Realität geworden. Nach mehr als vierjähriger Bauzeit wurde der mit vielen Konventionen brechende Baukörper am 24. November seiner Nutzung übergeben. Nur mit Hilfe modernster Spezialbaustoffe konnte ein internationales Team die räumlichen Vorstellungen der Pritzker-Preis-Trägerin in gebaute Wirklichkeit umsetzen.

Zaha Hadids von konischen Füßen getragene und sublim beleuchtete Ausstellungshalle ging im Jahr 2000 aus einem internationalen Wettbewerb eindeutig als Siegerprojekt hervor. Die Londoner Architektin hat für phæno einen beeindruckenden Baukörper entworfen, der hoch über der Straße thront. Er gibt den darunter liegenden Raum als neuartigen Stadtraum frei und gestaltet ihn als eine überdeckte künstliche Landschaft mit sanften Hügeln und Tälern. Im Innern, in sieben Metern Höhe, entfaltet sich ein bauliches Abenteuerland, geformt aus Kratern, Höhlen, Terrassen und Plateaus, der spannende Ort für 250 Experimentierstationen zu Themen aus Naturwissenschaft und Technik.


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Der Architekturentwurf forderte eine bauliche Umsetzung, die nicht in herkömmlichen Kategorien von Stützen, Balken und Decken denkt, sondern eine skulpturale, plastische Formgebung "aus einem Stück" verlangt. Die Bewältigung solcher Gebilde war mindestens ebenso sehr eine logistische wie eine statische und konstruktive Leistung. Im Gegensatz zur verbreiteten standardisierten Betonbauweise, meist unter Verwendung von ebenen Schalungssystemen, zeichnet phæno eine Fertigung mit weitgehendem Einsatz von individuell hergestellten Schalungselementen und dem so genannten selbst verdichtenden Beton aus, der in der verwendeten Größenordnung in Deutschland noch nie verbaut wurde und deshalb als Referenzobjekt von Bedeutung sein wird. Ohne den neuartigen Spezialbeton wäre die vielfältige Formenwelt nur schwer realisierbar gewesen. Als Pionierarbeit schrieb das Projekt Technikgeschichte. Nötig waren Schalelemente, mit denen man neun Fußballfelder abdecken könnte - für Beton, der einen Würfel mit 30-Meter-Seiten füllen würde und der bewehrt ist mit Eisen so schwer wie 5.000 Kleinwagen.

Es gibt keine Schwelle, keine klar definierbare Grenze. Der Außenraum wird Innenraum und umgekehrt. Es entsteht das, was man in der neueren Architekturdebatte "Transparenz" nennt, nicht im wörtlichen Sinn von "Durchsichtigtkeit", sondern in dem Sinne, daß der Betrachter das, was er vor sich sieht, weiterdenken und als Teil eines Gesamtbildes zusammenfügen kann. So wird das scheinbar abweisende und undurchsichtige Material Beton, das durch seine universale Formbarkeit Hadids fließende Erlebnisform in kongenialer Weise umsetzt, zum "gläsernen" Bauteil, weil es auf den Zusammenhang mit einem Raumkontinuum verweist.


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Die Betonkassettendecke im Erdgeschoss ist im Gegensatz zum Normalfall nicht in quadratische oder rechteckige Felder gegliedert, sondern bildet in der Untersicht eine diagonal verlaufende Balkenstruktur mit rautenförmigen Zwischenräumen.

Die Holzschalungen und ihr Einsatz für die zehn unterschiedlich geneigten konischen Volumen verlangten höchste Genauigkeit. Sie mussten nicht nur dem hohen Druck des flüssig eingebrachten Betons standhalten, sondern auch optisch perfekt sein, denn bei Sichtbeton ist die entstehende Oberfläche immer nur so gut wie die Schalung. 1.400 Elemente, zumeist Einzelstücke, wurden gebaut.

Der Spezialbeton "SVB", bei dem aufgrund seiner guten Fließeigenschaften auf das normalerweise notwendige Verdichten des eingefüllten Betons in der Schalung verzichtet werden kann, wurde in der Vergangenheit insbesondere in Schweden, den Niederlanden und Japan für die werksseitige Produktion von Betonfertigteilen bzw. im Ingenieurbau eingesetzt. Die Betonindustrie feiert den neuen Baustoff: Er erlaubt komplizierteste Schalungsformen, die kein reguläres Verdichten des eingebrachten Materials durch Rütteln mehr erlauben und macht so bisher Unmögliches möglich. Es entfällt ein kompletter meistens manuell zu bewältigender Arbeitsschritt auf der Baustelle.


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Das Stahldach erfolgte als Hubmontage, das die bauliche Komplexität noch steigerte. Die Konstruktion ist als schiefwinkliger Trägerrost aus sich kreuzenden Hauptträgern ausgeführt, die nicht parallel laufen, sondern in der Grundfigur eines Fächers angeordnet sind. Wie bei den konischen Volumen im Erdgeschoss ist auch hier jedes Stahlteil ein Einzelstück, das exakt für seinen Platz berechnet und vorgedacht wurde. Es gibt keine zwei gleichen Kreuzungswinkel und keine zwei gleichen Knotenabstände bei über 3.000 Knoten. Eine solche Konstruktion ist nur mit modernsten Fertigungstechniken zu realisieren. Es ist ein Beispiel für den seit einigen Jahren kursierenden Begriff der "Massenkonfektionierung", nämlich die Möglichkeit, durch von Computern gesteuerte Fertigungsstraßen eine beliebige Anzahl von individuellen Teilen automatisiert und damit relativ kostengünstig zu produzieren. 4.700 Tonnen Stahlteile musste der Kran auf knapp 16 Meter Höhe heben. Sie bilden ein frei tragendes Dach, das vollständig unregelmäßig aufgelagert ist und dabei die fast 6.000 Quadratmeter große Experimentierfläche ohne Stützen im Innenraum überspannt.

Die Verglasung des Eingangs zum Wissenschaftstheater - als dreidimensional ("sphärisch") gebogenes Element - ist ein weiteres geometrisches und technisches Highlight des Bauprojekts. Die aus den Krümmungen resultierenden Maßdifferenzen zwischen Außen- und Innenscheiben, extreme Scheibengrößen und -gewichte bis zu 500 kg fordern

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auch hier von den Fachfirmen eine überdurchschnittliche Erfahrung und hohes technisches Können.

phæno, ebenso Freizeiteinrichtung wie Ort informellen Lernens, gehört zur internationalen Gattung der Science Center. Das kommunale Projekt öffnet mit einer Aktionsfläche von über 9.000 Quadratmeter direkt neben dem ICE-Bahnhof. Man kann an jedem Punkt anfangen, die Reise konzentrisch fortsetzen oder auch springen: phæno ist ein nichtlineares Netzwerk, in dem jeder seinen eigenen Weg wählen kann: Intuitiv, zufällig, entdeckend. Forschendes Auswählen, Flanieren in der gebauten Landschaft gehören ebenso zum Gesamterlebnis wie die Freude am überraschenden Phänomen.


Die Architektin:
In Jahr 2004 erhielt Zaha Hadid als erste Frau den Pritzker-Preis. Er gilt als Nobelpreis der Architekten.

Zaha Hadids stammt aus einer kosmopolitisch orientierten Bagdader Familie - ihr Vater gehört in ihrer Jugendzeit zu den führenden demokratischen Politikern des Landes, bevor er nach London ins Exil gehen muss. Auf der American University in Beirut beginnt Zaha Hadid ein Mathematik-Studium, bevor sie 1972 nach London übersiedelt und an der Architectural Association School (AA) Architektur studiert. Ihre Lehrer sind zunächst der streng konservative Leon Krier, der ihr aber, wie sie einmal bekennt, die Augen für das Architektonische geöffnet hat, und später Elia Zenghelis und Rem Koolhaas, mit denen sie schon während des Studiums im "Office for Metropolitan Architecture" (OMA) eng zusammenarbeitet. Ihre starke gestalterische Eigenständigkeit verlangt aber bald, dass sie einen unabhängigen Weg geht. Sie gründet ihr eigenes Büro und erreicht mit dem (nicht realisierten) Siegerbeitrag für das Clubgebäude "Hongkong Peak" (1983) schnell weltweites Ansehen in Fachkreisen. Bis zur ersten Realisierung eines Baus (Feuerwehrhaus für Vitra in Weil am Rhein, 1993) vergehen aber noch viele Jahre. Heute lebt und arbeitet Zaha Hadid in London.

Gemeinsam mit Patrik Schumacher wurde Zaha Hadid für das neue Zentralgebäude des BMW-Werkes in Leipzig der Deutsche Architekturpreis 2005 verliehen.


16. Dezember 2005



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